Leben auf 4 Rädern - Pro und Contra

"Wenn der Weg schön ist, lass uns nicht fragen, wohin er führt." – Anatole France

Vor fast drei Jahren haben wir unser Hab und Gut verkauft und sind mit unserem 20 Jahre alten Camper losgezogen, raus in die weite Welt. Mit im Gepäck unser fünf Monate alter Solly, unsere Doggenmischlingshündin Pepper und all unser Erspartes. Was wir vom Vanlife erwarteten? Vor allem das Gefühl von Freiheit, aufwachen an den schönsten Flecken Europas und in Verbundenheit mit der Natur sein. Wir wollten unsere 9 to 5 Jobs hinter uns lassen, nicht mehr ständig unter Strom stehen und endlich unseren ganz eigenen Weg gehen. Durch Corona mussten wir unsere Reise nach knapp 1 ½ Jahren Vollzeit im Van vorerst abbrechen. Aufgrund der großen Nachfrage wollen wir gerne unsere Vanlife - Erfahrungen mit euch teilen - und zwar nicht nur die Schönen, sondern auch die herausfordernden Seiten. Was erwartet euch wirklich, wenn ihr euch für ein Leben im Van entscheidet und wo ist der Unterschied zu einem Urlaub im Van?

Vanlife und seine täglichen Herausforderungen

Instagram ist voll von Vanlife-Profilen. Wenn wir durch unsere Timeline scrollen, sehen wir cool ausgebaute Vans, die an den schönsten Naturspots Europas stehen. Wir können über perfekt eingefangene Sonnenuntergänge und Sternenhimmel staunen. Die Vans stehen an den schönsten Stränden, Küsten oder Bergseen. Man sieht Vanlifer, die mit Buch in der Hängematte chillen oder Yoga am Strand machen. Und ja, diese Seite des Vanlifes existiert wirklich und zeigt den Grund, wieso viele diesen Lebensstil so lieben oder auch beneiden. Bei welcher Lebensweise kann man der Natur sonst so nah sein, ständig seinen Vorgarten wechseln und trotzdem sein geliebtes Zuhause dabei haben?

Allerdings lasst ihr mit dem Umzug in ein Zuhause auf Rädern gleichzeitig den Alltag, eure Routinen und euren Luxus in eurem Heimatland zurück. Schnell mal einkaufen, Wäsche waschen, auf Toilette gehen oder täglich warm duschen? Alles was in einem Haus oder einer Wohnung für uns Normalität ist, stellt im Vanlife eine echte Herausforderung dar und nimmt viel Zeit in Anspruch. Oft haben wir bei praller Hitze und mit schreiendem Baby stundenlang nach einem passenden Stellplatz, fließendem Wasser oder einem Waschsalon gesucht. Bleibt die Suche erfolglos, wird die Nacht eben auf einem Schotterplatz ohne instagramtauglicher Aussicht verbracht. Die Dusche muss weitere Tage warten und das schmutzige Shirt wird wohl nochmal angezogen.

Da man im Vanlife mit der Natur lebt, spielt natürlich auch das Wetter eine Rolle. Sind es draußen 30 Grad , könnt ihr davon ausgehen, dass es im Van mindestens 40 Grad sind. Und regnet es mehrere Tage, kann der kleine Wohnraum mit Kind und Hund zur echten Geduldsprobe werden. Als kleine Probe könnt ihr euch ja einfach mal zwei bis drei Tage in einem Raum mit der ganzen Familie einsperren und schauen, wie ihr das so findet ;) kleiner Spaß. Der wenige Platz bedeutet außerdem auch, dass man sich gut überlegen muss, was man wirklich zum Leben braucht. Es gibt weder ein riesen Kleider- oder Schuhschrank noch viel Stauraum.

Im Van zu reisen heißt also, minimalistisch zu denken, auf Materielles zu verzichten und manchmal auch starke Nerven zu bewahren.

Vanlife - Urlaub vs. Vollzeit

Viele träumen davon, für ein paar Wochen mit dem Van zu verreisen. Man lässt sich auf das Abenteuer Vanlife ein und sieht die genannten Hürden vermutlich eher als abwechslungsreiche Herausforderungen zum sonst so strukturierten Alltag zu Hause. Schließlich ist es ein Unterschied, ob man nur für zwei Wochen kalt duscht und sich tolle Spots zum Übernachten raussuchen muss oder ob es für mehrere Monate ein tagtägliches Thema ist. Auch die viele freie Zeit die das Vanlife mit sich bringt, kann unterschiedlich wahrgenommen werden. Während man im Urlaub diese Zeit höchstwahrscheinlich genießt, kann es beim Vollzeit reisen dazu kommen, dass man sich erstmal nutzlos fühlt oder nicht weiß, was man mit der vielen Zeit anfangen soll. Denn Fulltime Vanlife bedeutet, dass von heute auf morgen ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ein Treffen mit Freunden, den Abend vor dem TV verbringen oder zum Fußballtraining gehen- alles nicht mehr möglich.

Auch für die Paar-Beziehung stellt das Vanlife eine Herausforderung dar. Während es für einen Urlaub eine aufregende Erfahrung sein kann, kann das Vollzeit-Vanlife, bei dem man 24/7 auf engstem Raum aufeinandersitzt, ohne Privatsphäre, ohne Abstand, ohne Auszeiten und ohne Freunde zum Ausgleich, eine echte Challenge darstellen. Man lernt seinen Partner mit all seinen Faccetten, Launen, Stärken und Schwächen kennen und muss ihn hinnehmen können wie er ist. Nicht wenige Paare scheitern an genau dieser Erfahrung.

Vanlife mit Kind ist im Übrigen nochmal ein gesondertes Kapitel, über das wir bereits einen Blogbeitrag verfasst haben. Denn auch wenn es eine wundervolle Erfahrung und absolut Luxus ist, so viel Zeit gemeinsam mit seinem Kind verbringen und ihm die Welt zeigen zu können, ist es auch eine ganz schöne Ansage. Zahnen, Entwicklungsschübe, schlaflose Nächte – das volle Programm nur dann eben auf wenigen Quadratmeter, alles im selben Raum.

Also wie ihr seht, kann der Alltag im Vanlife echt kräftezerrend sein. Manchmal sehnt man sich vielleicht auch mal kurz nach den einfachen Abläufen zu Hause. Wieso wir das Vanlife trotzdem so lieben und all das in Kauf nehmen?

Die Sonnenseite des Vanlifes

Vanlife kann stressig sein, keine Frage, aber diese Art von Stress ist für uns in keiner Weise mit dem Stress zu Hause vergleichbar, da er uns nicht emotional belastet. Im Gegenteil. Diese Momente führen dazu, dass wir über uns hinauswachsen müssen und auch wollen. Wir werden darin gefordert, geduldig zu sein, Ruhe zu bewahren und unsere Komfortzone zu verlassen. Den Stress zu Hause nehmen wir hingegen als viel negativer war. Vor allem aufgrund der medialen Präsenz. Die ständige Konfrontation mit schweren Themen über Krieg oder Corona können emotional sehr aufwühlend sein. Und obwohl zu Hause alle alltäglichen Abläufe viel leichter von der Hand gehen, fühlen wir uns doch häufig mehr unter Strom. Man hat ständig das Gefühl auf zehn Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu wollen oder zu müssen. Das Umfeld stellt gewisse Erwartungen auf, die man erfüllen möchte oder muss. All das ist im Vanlife nicht möglich. Man lebt automatisch entschleunigt, fernab von dem Stress zu Hause. Alles was wir erleben, saugen wir mit allen Sinnen auf, genießen jeden Moment, jeden Atemzug von frischer Meerluft. Und auch wenn es zwischendurch stressige Tage gibt, fallen wir meist glücklich und zufrieden ins Bett, weil wir das Gefühl haben, das Beste aus dem Tag herausgeholt zu haben.

Auch die Tatsache, dass man platzbedingt minimalistisch leben muss, ist für uns eine große Bereicherung. Obwohl wir ein Haus und einige Luxusartikel besitzen, stellen wir auf Reisen immer wieder fest, dass wir nicht viel benötigen, um glücklich zu sein. Und dass es auch total erleichternd sein kann, sich nur auf das Wesentliche zu beschränken und dadurch gewissen Luxus nicht mehr als selbstverständlich anzusehen.

Und das Allerschönste für uns am Vanlife ist das Gefühl von absoluter Freiheit, wenn wir unseren Van am Meer parken, Sol und Pepper glücklich am Strand langflitzten und Moritz uns ein tolles Dinner unter Sternen zaubert – ja in diesen Marmeladenglasmomenten fühlen wir uns lebendig.

Fazit

Wie ihr sehen könnt, ist das Vanlife sehr facettenreich. Jeder der den Wunsch nach dieser Lebensform hat, sollte es auch ausprobieren. Lasst euch darauf ein, seid bereit zu scheitern, seid bereit für Unbequemlichkeiten und Herausforderungen außerhalb eurer Komfortzone und gebt euch die Zeit, um im Vanlife und auch bei euch selbst anzukommen. Anzukommen bei euren Bedürfnissen, für die plötzlich wieder Raum ist, eurer Kreativität, eurer Leidenschaft, der ihr nachgehen könnt. Aushalten, nicht mehr unter Strom zu stehen und keine Erwartungen mehr erfüllen zu müssen. Denn ich kann euch wirklich sagen, dass es sich lohnt. Ihr werdet zurückkommen mit einem neuen Blick auf Luxus und Materielles, mehr Wertschätzung für die Natur und im besten Fall mit einer unvergesslichen Zeit, die euch als Einzelperson, Paar oder Familie gestärkt und euren Horizont erweitert hat.

Wir als Paar und auch als Familie haben ebenfalls etwas Zeit benötigt, um voll und ganz ins Vanlife einzutauchen und diesen Lebensstil leben und genießen zu können. Heute, fast 3 Jahre nach unserer langen Reise ist diese Freiheit, die viele Zeit zusammen und das Leben in der Natur genau das, was uns glücklich machtund wir vermissen. Wir lieben es, unseren Kindern die Welt zeigen zu dürfen und zu sehen, wie sie als kleine Entdecker durch die Gegend stapfen und mit wenig glücklich sind. So wie wir.

Ihr wollt diese absolute Freiheit auch spüren, eure Komfortzone verlassen und euch auf das Vanlife mit all seinen Herausforderungen einlassen? Worauf wartet ihr?

"Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." - Perikles

1 Kommentar

  • Wow sehr schön geschrieben. Ich habe einen Kindergartenfreund der auch so aufgewachsen ist bis er 5 Jahre alt war. Wir haben sie damals Ende der 80 Anfang der 90 er 2 bis 3 mal im Jahr besucht. Sie standen immer in Gargano (Italien) auf dem Campingplatz Umbramare. Der Vater war dort Surflehrer. Außerhalb der Saison sind sie rum gereist. Als wir älter waren sind wir immer zusammen in Urlaub. Ganz Spanien Frankreich incl Korsika , Italien mit Sizilien und Sardinien wurden die Campingplätze abgegrast.

    Als meine Mama dann ihren 2. Mann hatte durfte ich die luxeriösere Art des Reisens kennenlernen. In Hotels. Als Teenager hab ich etliche Flugreisen mit meinem Dad gemacht und seit ich 16 bin gehe ich 2 bis 3 mal im Jahr weiter weg und seit 11 Jahren mit meinem Mann. Aber meist sehr chik. Davon wollen wor mal wieder weg kommen. Wir hatten ja in den DM s schon darüber gesprochen.
    Machts gut ihr 5 äh jetzt 6 hübschen.

    Simon

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